Zeitungsberichte:
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Tageblatt
22.04.2010
BÜNDE-ENNIGLOH
Herrenloser Hund streunt durch Ennigloh
Ordnungsamt, Tierschützer, Polizei und Kreisveterinäramt
haben Task Force gebildet / Wollen Betäubungsmittel
ins Futter mischen
VON ANNE WEBLER
Bünde-Ennigloh. Seit einem Jahr streunt
ein wild lebender Hund durch die Nachbarschaft
der Grundschule Ennigloh. Weil sich einige Anwohner
an dem Riesenschnauzer-Mischling stören,
beratschlagen Ordnungsamt, Polizei, Tierheim
und Kreisveterinäramt, wie sie den Hund
fangen können. Jetzt steht die Aktion kurz
bevor.
Der schwarze Vierbeiner vergräbt immer wieder
Unrat in Eckard Riesos Garten: Brötchen,
Puppenkleider, tote Vögel und gebrauchte
Windeln. Und nicht nur bei Rieso: "Ich hab
mit meinem Nachbarn schon gescherzt, dass wir
eine Tauschbörse aufmachen können mit
den Sachen, die der Hund anschleppt", sagt
Rieso und lacht.
Trotzdem ist er dem Streuner wohlgesonnen: "Ich
bin ein Hundeliebhaber", sagt der 61-Jährige.
Das Fell des Tieres sei ausgefranst und ungepflegt.
Im Winter habe der Hund die Nähe der Häuser
gesucht und sich in die wärmeren, geschützten
Hauseingänge gelegt. "Der Hund ist
keine Bedrohung", betont Rieso, aber einige
Nachbarn fühlten sich belästigt. Mehrmals
hat er versucht, sich dem Hund zu nähern,
doch der sei sehr scheu und ließe Menschen
nicht näher als fünf bis zehn Meter
an sich heran. "Das ist ein heimatloses
Tier, das Hilfe braucht", sagt Rieso.
Iris Wilsmann, Leiterin der Grundschule Ennigloh,
ist der Hund nicht bekannt. "Die Eltern
haben uns nichts zugetragen", sagt sie.
Jörg Hölscher, Bezirksbeamter in Ennigloh,
kennt den Hund. "Morgens ab sechs Uhr ist
er unterwegs, im Winter ab sieben, dreht jeden
Tag die gleiche Runde." Anwohner erzählten
Hölscher fast jeden Tag, wo sie den Hund
gesehen hätten und was er so mache. Renate
Siekkötter vom Tierheim Ahle, das Ordnungsamt
und Kreisveterinäramt stehen seit vergangenen
Herbst in Kontakt, wie sie den "Problem-Hund" fangen
können. Das Tierheim hat es mit einer Lebendfalle
probiert, was nicht funktionierte. Das Kreisveterinäramt
hätte den Hund mit einem Betäubungspfeil
lahmlegen können, das wollten die Tierschützer
jedoch nicht; sie fürchteten, dass die Dosis
vielleicht nicht reicht und der Hund halb betäubt
vor ein Auto rennt.
Am Dienstag trafen sich Hölscher, Siekkötter,
Axel Biermann vom Ordnungsamt und Dr. Tanja Hochstetter,
Amtstierärztin und für den Tierschutz
im Kreis Herford zuständig. "Wir haben
besprochen, dass wir in den kommenden Tagen Kontakt
zu den Anwohnern aufnehmen und ermitteln werden,
wo der Hund frisst", sagt Hölscher.
Dann würden sie den Hund an dieser Stelle
regelmäßig füttern, bevor sie
ihm Anfang Mai ein Betäubungsmittel ins
Futter mischen. Sobald er schläft, bringen
die Tierschützer ihn ins Tierheim. "Damit
das gelingt, wäre es gut, wenn es keine
Konkurrenzfütterungen gäbe", sagt
Hochstetter.
Carla fasst langsam Vertrauen
Junge Frau aus Muckum bemüht sich rührig
um Hündin / Tierschutzverein zuversichtlich
Bünde (nw). Nach dem Bericht in der NW
vom 22. April über die frei lebende Hündin
Carla in Ennigloh riefen zahlreiche Anwohner
beim Tierschutzverein Herford an, die Angaben über
das Tier machen konnten. Der Vierbeiner hat etwa
zehn Futterstellen. Leider hat sich bisher niemand
gemeldet, der Carla tagsüber füttert.
Somit konnte der Plan,
ein Schlafmittel ins Futter zu mischen, bisher
nicht realisiert werden. Bei allen bisher bekannten
Futterstellen taucht die Hündin erst abends oder nachts auf.
Da die Wirkung der Schlaftabletten häufig
erst mit erheblicher Verspätung einsetzt,
besteht die Gefahr, den schlafenden Hund in der
Dunkelheit nicht wieder zu finden. Aber zum Glück
ergab sich eine andere Möglichkeit, die
hoffen lässt, dass Carla bald in menschliche
Obhut genommen werden kann.
Eine junge Frau aus
Bünde-Muckum bemüht
sich seit etwa zwei Wochen intensiv darum, das
Vertrauen der Hündin zu gewinnen und verbringt
täglich oder besser gesagt nächtlich
mehrere Stunden in der Nähe des Tieres.
Sie würde Carla gern ein neues Zuhause geben.
Gute Vorarbeit im Rahmen der vertrauensbildenden
Maßnahmen haben all diejenigen Tierfreunde
geleistet, die Carla füttern, insbesondere
aber eine bis dato nicht bekannte Futterstelle,
wo die Hündin seit vielen Monaten täglich
versorgt wird.
Renate Siekkötter, Vorsitzende des Tierschutzvereins
Herford: "An dieser Futterstelle, die in
einer kleinen Seitenstraße liegt, treffen
wir uns bei Einbruch der Dunkelheit mit Carla.
Wir sind zu dritt oder zu viert und sie frisst
uns allen aus der Hand. Die Hundefreundin aus
Muckum hat aber ein besonderen Draht zu ihr.
Die beiden gehen schon zusammen spazieren und
seit gestern kann sie das Tier vorsichtig berühren."
An diesen Hund müsse man sich wirklich
Zentimeter für Zentimeter herantasten. "Ich
habe vom Tierarzt ein Pheromone-Spray besorgt.
Diese Botenstoffe sollen Carla ein Gefühl
der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und
helfen, ihre Ängste zum Beispiel gegenüber
Hundeleinen und geschlossenen Räumen abzubauen",
so Siekkötter. Es werde sicherlich noch
einige Tage dauern, bis es gelinge, sie anzuleinen
oder sie in ein Gebäude oder ein Auto zu
locken, aber man sei auf einem guten Weg. Und
nur mit Geduld und Besonnenheit gehe es. Übereilte
Aktionen könnten das mühevoll aufgebaute
Vertrauen mit einem Schlag kaputt machen.
Ein Dank gilt allen
Tierfreunden, die die Hündin
mit Nahrung versorgten mit der Bitte, ihr jetzt
jeweils nur noch einige Leckerbissen zu geben,
damit sie noch Hunger habe, wenn sie zu dem "Treffen" komme. "Die
Anwohner, die sich durch Carla belästigt
fühlen, bitten wir noch um etwas Geduld.
Die Lösung des Problems ist in Sicht." Sollte
es Hundefreunde geben, die Carla tagsüber
füttern, wären die Tierschützer
für eine entsprechende Information unter
Tel. 0170/1425 199 dankbar.
Überredungskunst nötig
Bünde. Die frei lebende Hündin Carla,
die große Ängste gegenüber Hundeleinen
und geschlossenen Räumen hat (die NW berichtete)
ist inzwischen in guten Händen. Keine einfache
Angelegenheit. Tierschutzvereins-Vorsitzende
Renate Siekkötter schildet die Aktion im
folgenden und wie es Carla inzwischen geht.
Samstag, 8. Mai, 21.45 Uhr: Ich biege in die kleine
Seitenstraße in Bünde-Ennigloh
ein, in der unsere abendlichen Treffen mit Carla stattfinden. Auf meinem Beifahrersitz
steht wieder die Tupperdose, gefüllt mit gebratenem Hähnchenbrustfilet,
Würstchenscheiben und Schweizer Käse. Auch Birte P. und ihre Freundin
sind schon da, und Anita P. hat bereits einen großen Teller mit Hundefutter
bereitgestellt. Es ist weit nach 22 Uhr als Carla endlich auftaucht.
Sie begrüßt uns alle, frisst von dem Hundefutter und nimmt dann mit
sichtlichem Genuss die Hähnchenfleischstücke aus meiner Hand. Anschließend
verputzt sie noch drei Scheiben würzigen Schweizer Käse und legt sich
dann völlig entspannt in unsere Runde. Birte P. beginnt, sie vorsichtig
zu streicheln und fädelt ganz beiläufig eine dünne Leine durch
die Befestigungsöse an Carlas Halsband. Dann geht sie mit der Hündin
an der Leine einige Schritte auf und ab.
Carla scheint es überhaupt nicht zu stören, dass sie angeleint ist.
Als nächstes versuchen wir, die Vierbeinerin dazu zu bringen, ins Auto zu
springen. Aber sie steigt weder in den Pkw von Birte P. noch in mein Fahrzeug
ein. Also bleibt uns nur der Fußmarsch zu ihrem neuen Zuhause. Wie erwartet,
legt sie sich an ihren jeweiligen Reviergrenzen hin und weigert sich, auch nur
einen Meter weiterzulaufen. Aus diesem Grund muss die Marschroute mehrfach geändert
werden. Wir gehen im Stockfinsteren am Friedhof Ennigloh vorbei und biegen dann
in einen Feldweg an der Kompostieranlage ein. An der Wilhelmshöhe überqueren
wir die Holzhauser Straße und wandern dann überwiegend auf Feldwegen
zu dem Anwesen in Bünde-Muckum, wo Birte P. wohnt. Mit etwas Überredungskunst
gelingt es Birte P., Carla ins Haus zu locken. Dort legt sich das Tier völlig
entspannt ins Esszimmer und ruht sich aus. Sie weiß, dass sie "angekommen" ist.
Anita P., die die Hündin über Monate an ihrem Haus gefüttert hat,
und ich setzen unsere nächtliche Wanderung fort, in dem wir den Rückweg
antreten. Wir sind so erleichtert und glücklich, dass wir erst Stunden später
zuhause merken, wie sehr uns die Füße weh tun. Carla war von Anfang
an in der Wohnung völlig unproblematisch. Sie akzeptierte sogar auf Anhieb
die beiden vorhandenen Katzen. Nur tagsüber spazieren gehen mag sie noch
nicht so recht. Sie hat noch einen anderen Rhythmus. Die Tierärztin, die
sie inzwischen untersuchte, stellte fest, dass sie topfit und etwa zwei Jahre
jung ist.
Birte und Carla haben sich gesucht und gefunden. Bleibt zu hoffen, dass beide
noch viele schöne gemeinsame Jahre haben werden. Alle Beteiligten danken
nochmals allen, die sich um Carla über die vielen Monate gekümmert
und an ihrem Schicksal Anteil genommen haben.
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